Nicht okay
Jul. 22nd, 2023 07:37 pmTeam: D.A.V.E.
Challenge: h/c - “Vielleicht bin ich doch nicht okay”
Wörter: 869
Fandom: Original
Für:
jadaya82, die mir beim Brainstormen geholfen und mir ihren Charakter (Nina) ausgeliehen hat ♥
“Ich bin okay.” Lynn wusste nicht, wie oft sie diese Worte schon wiederholt hatte. Gegenüber Nina, ihrem Freund Alexandre, der sie und Nina vorgestern an jenem furchtbaren Abend abgeholt hatte, obwohl er eigentlich hätte arbeiten müssen, Emmanuel, Alexandres bester Freund und… Lynn war sich selbst nicht sicher. Sie mochte ihn.
Jetzt sagte sie es zu Cathleen, die gerade versuchte, sie dazu zu bringen, etwas zu essen, während sie in einem Café auf Nina warteten. Vielleicht sollte sie dem verlockend aussehenden Crumble eine Chance geben. Evan, der Mann vor dem sie geflohen war, hatte ihr immer gesagt, dass sie besser auf ihre Figur achten musste. Hatte jedes noch so unfaire Mittel genutzt, um sie klein zu halten.
Das jedenfalls war Ninas Meinung aber die hatte ihn ja noch nie gemocht. Und er sie auch nicht. Seine Meinung sollte auch Lynn nicht interessieren, er hatte sie geschlagen und der Bluterguss war auch jetzt eher notdürftig unter Make-Up versteckt. Eigentlich benutzte Lynn so etwas nicht, aber als Nina verkündet hatte, dass sie etwas unternehmen würden, war ihr keine andere Wahl geblieben.
Am liebsten hätte sie abgelehnt, ihrer besten Freundin gesagt, dass sie alleine rausgehen sollte, und sich selbst weiter im Gästezimmer verkrochen. Aber dann hätte Nina sich nur noch mehr Sorgen gemacht. Noch mehr Vorwürfe. Lynn sollte vermutlich gar nicht wissen, dass das schlechte Gewissen darüber, dass sie nichts gemerkt hatte, Nina regelrecht zerfraß, daher sprach sie es nicht an. Darum hatte sie auch zugestimmt, schon mal mit Cathleen vorzugehen, als klar wurde, dass Nina nicht rechtzeitig fertig werden würde.
“Liebes, keiner wäre okay in deiner Situation.” Cathleen lächelte auf eine mütterliche Art, die in ihrem jungen Gesicht vollkommen deplatziert wirken sollte, es aber nicht tat.
“Du kennst meine Situation nicht.”
“Nein. Aber ich habe Augen im Kopf. Und so etwas begegnet mir leider nicht zum ersten Mal.”
“In deinem Restaurant?” Cathleen besaß ein kleines Bistro, das Lynn bisher erst einmal besucht hatte. Auch da hatte sie das Essen kaum angerührt.
Die andere Frau nickte. “Man bekommt einen Blick für ungesunde Beziehungen. Dort kann ich natürlich nichts tun… leider. Ich habe angefangen, auf den Toiletten Adressen und Telefonnummern für Anlaufstellen auszuhängen und kann nur hoffen, dass es dem einen oder der anderen hilft.”
Lynn wusste nicht, was sie darauf antworten sollte aber ihre Hand wanderte gegen ihren Willen zu ihrer Wange. Evan hatte sich nicht zurückgehalten, wäre Nina nicht gekommen… sie wollte nicht darüber nachdenken, was passiert wäre. Was hätte sie dann getan? Hätte sie den Mut gehabt, zu gehen? Aber wohin? Sie hätte Nina niemals damit belasten wollen und ihre Eltern waren nie eine Hilfe gewesen. Die mochten Evan und würden sich von ihm einwickeln lassen wie die meisten. Er war gut in diesen Dingen. Immer schon gewesen.
“Es ist keine Schande, in so eine Beziehung hineinzugeraten”, erklärte Cathleen gerade. “Und es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen um da rauszukommen. Oder darüber hinwegzukommen.”
War das so? Lynn war sich da noch nicht ganz sicher. Die Stille begann unangenehm zu werden, als Nina in einem Wirbelwind aus guter Laune an ihren Tisch kam und sich auf den freien Stuhl setzte. “Ihr habt schon bestellt? Ooooh, das sieht gut aus!”, lautete ihre Begrüßung, der Blick war dabei auf Lynns Teller gerichtet.
Am liebsten hätte Lynn ihn ihr angeboten aber das würde nur wieder für diese besorgten Blicke sorgen, die sie zu fürchten begonnen hatte. Darum sagte sie nur: “Wir wussten ja nicht, wie lange du am Ende brauchst, dich für die richtigen Schuhe zu entscheiden.”
Als Antwort wackelte Nina mit einem, in einem schwindelerregenden roten Stiletto steckenden Fuß. “Man kann die Bedeutung von Schuhen zur Abrundung des perfekten Outfits gar nicht überschätzen.”
Es war Cathleen, die meinte: “Sie stehen dir ohne Zweifel sehr gut. Aber ich glaube, ich ziehe meine Schuhe vor, die passen fast überall zu.”
“Endlich jemand Vernünftiges”, war Lynns Meinung dazu, woraufhin Nina gespielt beleidigt die Backen aufblies. “Hey, ich wollte nicht mit euch beiden rausgehen, damit ihr euch gegen mich verbündet!”
“Zu spät. Leb mit den Folgen.” Cathleen grinste und auch wenn es Lynn ein wenig aufgesetzt vorkam, verwandelte es das Gesicht der bis dahin sehr eleganten Frau vollkommen. Jetzt erklärte sie an Lynn gewandt: “Ich habe vielleicht sieben Paar. Glaube ich.”
Immer noch mehr als Lynn jemals würde nachvollziehen können. “Zwei”, sagte sie darum schulterzuckend. Bequeme Sneakers und Sandalen. Das reichte für ihre Bedürfnisse aus. “Nina hat schon öfter versucht, mich zum shoppen zu bewegen, als ich zählen kann.”
“Und ich werde es weiter versuchen. Wir könnten ja wenn wir hier fertig sind, mal schauen. Nur gucken, versprochen!”, fügte sie hastig hinzu, als Lynn die Augen verdrehte.
Dann kam die Kellnerin und verschaffte ihr eine Atempause, indem sie Ninas Bestellung aufnahm. Das dauerte ein wenig, da Nina sich natürlich noch gar keine Gedanken darüber gemacht hatte, was sie haben wollte.
Dieser Moment wirkte mit einem Mal vollkommen irreal. Das Café, ihre beste Freundin die krampfhaft versuchte, sie abzulenken und dazu Cathleen, die sie kaum kannte aber die sie zu verstehen schien. Warum auch immer. Wie auch immer. Ein Kloß bildete sich irgendwo zwischen Hals und Magen. Überall. Lynn schluckte, aber er wollte nicht weggehen.
“Vielleicht”, murmelte sie, als sie wieder unter sich waren, “bin ich doch nicht okay.”
Challenge: h/c - “Vielleicht bin ich doch nicht okay”
Wörter: 869
Fandom: Original
Für:
“Ich bin okay.” Lynn wusste nicht, wie oft sie diese Worte schon wiederholt hatte. Gegenüber Nina, ihrem Freund Alexandre, der sie und Nina vorgestern an jenem furchtbaren Abend abgeholt hatte, obwohl er eigentlich hätte arbeiten müssen, Emmanuel, Alexandres bester Freund und… Lynn war sich selbst nicht sicher. Sie mochte ihn.
Jetzt sagte sie es zu Cathleen, die gerade versuchte, sie dazu zu bringen, etwas zu essen, während sie in einem Café auf Nina warteten. Vielleicht sollte sie dem verlockend aussehenden Crumble eine Chance geben. Evan, der Mann vor dem sie geflohen war, hatte ihr immer gesagt, dass sie besser auf ihre Figur achten musste. Hatte jedes noch so unfaire Mittel genutzt, um sie klein zu halten.
Das jedenfalls war Ninas Meinung aber die hatte ihn ja noch nie gemocht. Und er sie auch nicht. Seine Meinung sollte auch Lynn nicht interessieren, er hatte sie geschlagen und der Bluterguss war auch jetzt eher notdürftig unter Make-Up versteckt. Eigentlich benutzte Lynn so etwas nicht, aber als Nina verkündet hatte, dass sie etwas unternehmen würden, war ihr keine andere Wahl geblieben.
Am liebsten hätte sie abgelehnt, ihrer besten Freundin gesagt, dass sie alleine rausgehen sollte, und sich selbst weiter im Gästezimmer verkrochen. Aber dann hätte Nina sich nur noch mehr Sorgen gemacht. Noch mehr Vorwürfe. Lynn sollte vermutlich gar nicht wissen, dass das schlechte Gewissen darüber, dass sie nichts gemerkt hatte, Nina regelrecht zerfraß, daher sprach sie es nicht an. Darum hatte sie auch zugestimmt, schon mal mit Cathleen vorzugehen, als klar wurde, dass Nina nicht rechtzeitig fertig werden würde.
“Liebes, keiner wäre okay in deiner Situation.” Cathleen lächelte auf eine mütterliche Art, die in ihrem jungen Gesicht vollkommen deplatziert wirken sollte, es aber nicht tat.
“Du kennst meine Situation nicht.”
“Nein. Aber ich habe Augen im Kopf. Und so etwas begegnet mir leider nicht zum ersten Mal.”
“In deinem Restaurant?” Cathleen besaß ein kleines Bistro, das Lynn bisher erst einmal besucht hatte. Auch da hatte sie das Essen kaum angerührt.
Die andere Frau nickte. “Man bekommt einen Blick für ungesunde Beziehungen. Dort kann ich natürlich nichts tun… leider. Ich habe angefangen, auf den Toiletten Adressen und Telefonnummern für Anlaufstellen auszuhängen und kann nur hoffen, dass es dem einen oder der anderen hilft.”
Lynn wusste nicht, was sie darauf antworten sollte aber ihre Hand wanderte gegen ihren Willen zu ihrer Wange. Evan hatte sich nicht zurückgehalten, wäre Nina nicht gekommen… sie wollte nicht darüber nachdenken, was passiert wäre. Was hätte sie dann getan? Hätte sie den Mut gehabt, zu gehen? Aber wohin? Sie hätte Nina niemals damit belasten wollen und ihre Eltern waren nie eine Hilfe gewesen. Die mochten Evan und würden sich von ihm einwickeln lassen wie die meisten. Er war gut in diesen Dingen. Immer schon gewesen.
“Es ist keine Schande, in so eine Beziehung hineinzugeraten”, erklärte Cathleen gerade. “Und es ist keine Schande, Hilfe anzunehmen um da rauszukommen. Oder darüber hinwegzukommen.”
War das so? Lynn war sich da noch nicht ganz sicher. Die Stille begann unangenehm zu werden, als Nina in einem Wirbelwind aus guter Laune an ihren Tisch kam und sich auf den freien Stuhl setzte. “Ihr habt schon bestellt? Ooooh, das sieht gut aus!”, lautete ihre Begrüßung, der Blick war dabei auf Lynns Teller gerichtet.
Am liebsten hätte Lynn ihn ihr angeboten aber das würde nur wieder für diese besorgten Blicke sorgen, die sie zu fürchten begonnen hatte. Darum sagte sie nur: “Wir wussten ja nicht, wie lange du am Ende brauchst, dich für die richtigen Schuhe zu entscheiden.”
Als Antwort wackelte Nina mit einem, in einem schwindelerregenden roten Stiletto steckenden Fuß. “Man kann die Bedeutung von Schuhen zur Abrundung des perfekten Outfits gar nicht überschätzen.”
Es war Cathleen, die meinte: “Sie stehen dir ohne Zweifel sehr gut. Aber ich glaube, ich ziehe meine Schuhe vor, die passen fast überall zu.”
“Endlich jemand Vernünftiges”, war Lynns Meinung dazu, woraufhin Nina gespielt beleidigt die Backen aufblies. “Hey, ich wollte nicht mit euch beiden rausgehen, damit ihr euch gegen mich verbündet!”
“Zu spät. Leb mit den Folgen.” Cathleen grinste und auch wenn es Lynn ein wenig aufgesetzt vorkam, verwandelte es das Gesicht der bis dahin sehr eleganten Frau vollkommen. Jetzt erklärte sie an Lynn gewandt: “Ich habe vielleicht sieben Paar. Glaube ich.”
Immer noch mehr als Lynn jemals würde nachvollziehen können. “Zwei”, sagte sie darum schulterzuckend. Bequeme Sneakers und Sandalen. Das reichte für ihre Bedürfnisse aus. “Nina hat schon öfter versucht, mich zum shoppen zu bewegen, als ich zählen kann.”
“Und ich werde es weiter versuchen. Wir könnten ja wenn wir hier fertig sind, mal schauen. Nur gucken, versprochen!”, fügte sie hastig hinzu, als Lynn die Augen verdrehte.
Dann kam die Kellnerin und verschaffte ihr eine Atempause, indem sie Ninas Bestellung aufnahm. Das dauerte ein wenig, da Nina sich natürlich noch gar keine Gedanken darüber gemacht hatte, was sie haben wollte.
Dieser Moment wirkte mit einem Mal vollkommen irreal. Das Café, ihre beste Freundin die krampfhaft versuchte, sie abzulenken und dazu Cathleen, die sie kaum kannte aber die sie zu verstehen schien. Warum auch immer. Wie auch immer. Ein Kloß bildete sich irgendwo zwischen Hals und Magen. Überall. Lynn schluckte, aber er wollte nicht weggehen.
“Vielleicht”, murmelte sie, als sie wieder unter sich waren, “bin ich doch nicht okay.”